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Aus der Forschung

Albtraumszenario Flug
Aus der Forschung, Schlafstörung, Träume

Was sind Albträume? Inhalte und Ursachen.

Albträume sind Störungen des Schlafes, welche durch starke negative Gefühle das Traumerlebnis derart unruhig und belastend gestalten, dass der Schlafende davon geweckt wird. Je nach erlebter Intensität wacht der Schlafende mit körperlichen Angstreaktionen wie Schwitzen und Herzrasen auf.

Die AG Traum der DGSM* unterscheidet hierbei zwischen zwei Arten von Schlafstörungen, nämlich dem Albtraum und dem Pavor nocturnus (=Nachtschreck). Der Pavor nocturnus ist das Aufschrecken aus dem Tiefschlaf (meist erste Nachthälfte) und der Albtraum ist die Störung der Traumphase (meist zweite Nachthälfte).

Eltern kennen den Nachtschreck durch das eigene Kind. Hierbei ist der Körper des Kindes wach, aber der Geist noch im Albtraum „gefangen“. Den größten Schreck haben die Eltern selbst, wenn das eigene Kind minutenlang angsterfüllt weint und schreit ohne auf Beruhigungsversuche zu reagieren. Nach dieser kurzen Zeit schläft es im Normalfall wieder ein und erinnert sich am Morgen danach an nichts mehr.

Im Unterschied zum Nachtschreck ist man beim Albtraum ansprechbar, geistig wach und der Inhalt ist erinnerbar. Zusätzlich ist das Einschlafen nach einem Albtraum schwierig.

Worum geht es in Albträumen?

Es scheint bei Albträumen kulturspezifische Unterschiede zu geben, da sich Ergebnisse über typische Albtrauminhalte unterscheiden.

Laut der AG Traum der DGSM habe eine Befragung unter Jugendlichen ergeben, dass in Deutschland Verfolgung, Bedrohung, Verlust, Tod, Flucht und Fallen typische Albtrauminhalte sind. Das Thema Verfolgung führt mit 50% die Liste der Albträume an. Dem entgegen nimmt (gefühlt) der endlose Fall die meiste Aufmerksamkeit der allgemeinen Mediendarstellung von Albträumen ein.

2014 veröffentlichen die kanadischen Forscher Geneviève Robert und Professor Antonio Zadra eine Studie über die Inhalte von 10000 Träumen. Im Gegensatz zu den deutschen Ergebnissen sind die häufigsten Albtrauminhalte körperliche Gewalt, zwischenmenschliche Konflikte, persönliche Unvollkommenheit und Hilflosigkeit, sowie Gesundheit und Tod.

Was sind „thin boundaries“?

Um die Ursachen von Albträumen verstehen zu können, sollte man das Konzept der „thin boundaries“ oder zu deutsch der „dünnen Grenzen“ kennen. Der 2013 verstorbene Schlafforscher Ernest Hartmann ist der Vater dieses Konzepts.

Dicke und dünne Grenzen zu besitzen sind zwei extreme Charakterzüge. Jemand mit dicken Grenzen (thick boundaries) grenzt sich nach außen und auch in sich selbst drinnen stark ab. Für ihn ist die Welt klar getrennt und er ebenfalls klar fokussiert. Er gehört beispielsweise fest zu einer Gruppe, er besitzt für sich nur männliche oder nur weibliche Charakterzüge, es wird nichts vermischt. Zusätzlich verarbeitet er eins nach dem anderen, gewisse Verhaltensweisen sind normal und andere werden abgelehnt. Die Beispiele zeigen, dass Menschen mit diesen Charakterzügen sicher seltener Künstler werden und Spontaneität weniger mögen.

Welche Ursachen haben Albträume?

Forscher vermuten, dass es einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Albtraumneigung gibt.

Ernest Hartmann hat 1991 auf seinem Konzept der „thin boundaries“ aufsetzend einen Persönlichkeitsfragebogen entwickelt, um eine Art „Albtraumpersönlichkeit“ zu finden. Die entsprechende Teststudie unterstützte seine Thesen.

Gibt es eine „Albtraumpersönlichkeit“?

Prof. Dr. Schredl hat darauf aufbauend 2009 zusammen mit drei Kolleginnen einen neuen Persönlichkeitsfragebogen entwickelt, der die Suche nach der entsprechenden Persönlichkeitsstruktur besser ermöglichen soll. Prof. Dr. Schredl sieht die Weiterentwicklung darin, dass „Ernest Hartmann […] einen Boundary Questionaire entwickelt [hat], der unserer Meinung nach zu stark mit Neurotizismus und nicht nur ‚Dünne und dicke Grenzen‘ abgebildet hat. Unser neues Instrument hatte dieses Problem nicht, zeigte trotzdem einen Zusammenhang zur Alptraumhäufigkeit.“

Die Testergebnisse legen einen starken Zusammenhang zwischen dem Konzept der dünnen Grenzen und einer gesteigerten Offenheit für neue Erfahrungen, sowie einer geringeren Gewissenhaftigkeit nahe. Gleichzeitig sagt der Test die Alptraumhäufigkeit sehr gut voraus.

Somit ergänzen sie Hartmanns Erkenntnisse über den großen Einfluss einer gesteigerten emotionalen Zartheit bzw. Labilität (Neurotizismus). Zusätzlich ließen die Ergebnisse die Vermutung zu, dass gewissenhaftere Menschen seltener an Albträumen leiden. Es wurde von der Forschergruppe nahegelegt zukünftig in dieser Richtung weiter zu forschen.

Wer sich emotional wenig abschotten kann und viele neue Erfahrungen erlebt, der leidet häufiger unter Albträumen.

Die Verbindung dieser beiden Forschungen lässt vermuten, dass Albträume der Verarbeitung von emotional belastenden Erfahrungen dienen. Wer psychisch labil ist und dazu noch wenig gewissenhaft, der dürfte in deutlich höherer gefühlter Unsicherheit leben. Es ist dann eine Frage der Logik, dass es bei einer gesteigerten Offenheit für neue Erfahrungen zwangsläufig zu mehr davon kommt. Es können folglich mehr Erfahrungen diese Grundunsicherheit bedienen und nachts emotional negativ aufgeladen in Albträumen verarbeitet werden.

In diese These fügen sich die oben erwähnten kulturellen Unterschiede gut ein, da die individuellen Erfahrungen, welche Albträume auslösen können, stark von der eigenen Herkunft beeinflusst werden.

Weltweit unterschiedliche Risikofaktoren gefunden

Um den kulturellen Aspekt näher zu beleuchten stelle ich folgend weitere Studien kurz vor.

  • 2010 zeigt die chinesische Forschergruppe um Shirley Xin Li, dass von den rund 8500 Versuchsteilnehmern 5,1% mindestens ein Mal pro Woche einen Albtraum durchleiden. Interessanterweise ist die Verbindung zum Neurotizismus gering, wohingegen der Zusammenhang zwischen Albtraumhäufigkeit und Frauen mit geringem Einkommen recht hoch ist. Die Studie benennt als Risikofaktoren für häufige Albträume: weibliches Geschlecht, geringes Einkommen, Schlafstörungen, nächtliche Atemstörungen und Tagesmüdigkeit.

  • 2016 untersucht Prof. William E. Kelly an der Robert Morris University Pittsburgh die Zusammenhänge verschiedener Veranlagungen mit der Albtraumhäufigkeit. Dabei trennt sich die Gruppe der untersuchten Collegeschüler in eine Vergleichsgruppe und Schüler mit häufigen Albträumen. Vergleicht man beide Gruppen, dann besitzen die Albträumer verstärkte Veranlagung zu einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung, einer Hypomanie, eines heuchlerischen unangenehmen Charakters oder einer Grundtraurigkeit mit fehlendem Selbstvertrauen. Alle diese Veranlagungen führen potentiell zu einer sozialen Isolation, wohingegen die chinesische Studie Überlebensängste und körperliche Leiden in den Fokus stellt.

  • In Japan werten Forscher 2011 bei einer landesweiten Untersuchung über 90000 Fragebögen aus und erhalten eine erschreckende Albtraumleidenshäufigkeit von 35,2%! In Kanada, Deutschland und China liegt diese bei unter 10%! Darüber hinaus leiden 8,3% der getesteten Japaner an der Schlafparalyse, d.h. sie erleben den Schutzmechanismus der nächtlichen „Lähmung“ bewusst.

    Bei den männlichen Testpersonen konnten als Risikofaktoren mentale Störungen, Alkoholkonsum, längere Schlafphasen während des Tages, extreme Bettgehzeiten, Einschlafprobleme, subjektiv als schlecht empfundener Schlaf und starke Tagesmüdigkeit benannt werden.

    Frauen müssen auf die Risikofaktoren Alkoholkonsum, mentale Störungen, Einschlafprobleme, subjektiv als schlecht empfundener Schlaf und starke Tagesmüdigkeit achten.

Fazit

Die spannende Verzweigung der Ursachen führt dazu, dass die Fragen nach Behandlungsmethoden und Schutzmöglichkeiten vor Albträumen auf einen Folgeartikel verschoben werden müssen.

In meinen Augen ist die spannende Frage, ob die Ursachen einem Henne-Ei-Problem entspringen? Wir wissen, dass sich Schlafentzug unter anderem auch negativ auf die Psyche auswirkt. Folglich ist die logische Frage: „War zuerst die neurotische psychische Störung da oder der schlafstörende Albtraum? Oder etwa der langanhaltende wenig erholsame Schlaf?“

Sind Albträume Auslöser für oder Folgen von wenig erholsamem Schlaf?

Ich wünsche erholsamen störungsfreien Schlaf und bin gespannt auf Ihre Rückmeldung!

Thorsten von Bettdecke.de

* Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin

Eine schöne Qualle
Aus der Forschung, Schlaf

Warum schlafen wir? Studie entdeckt revolutionäre Erkenntnisse!

Wir haben hier bereits die Frage „Was ist Schlaf?“ besprochen und die aktuellen wissenschaftlichen Ansichten erklärt, aber eine im Oktober 2017 veröffentlichte Studie stellt das alles in Frage.

Worum geht es in der Studie über Schlaf?

Die drei Doktoranden Ravi Nath, Michael Abrams und Claire Bedbrock untersuchten zusammen mit ihrem Team an der Caltech (California Institute of Technology), ob Mangrovenquallen (Cassiopea) schlafen. Da man bis dato nicht wusste wie Quallen schlafen und man diese auch nicht danach befragen kann, mussten die Forscher Schlaf für diese Untersuchung definieren. Die Definition erfolgte über drei Aspekte.

  • Die Qualle ruht sich zeitweise aus und zeigt in dieser Phase eine geringere Aktivität.
  • Außerdem reagiert sie während dieser Phase langsamer und weniger auf Außenreize
  • Schlafentzug führt zu einem Wunsch nach Schlaf und Dauermüdigkeit

Zusätzlich wurde noch beobachtet, ob ein zirkadianer Rhythmus zu erkennen ist und ob dieser von Licht beeinflusst wird.

Wie verfolgen sie diese Ziele? (Versuchsaufbau)

Das erste Ziel ist es zu beweisen, dass Quallen zeitweise eine geringere Aktivität zeigen. Dazu überwachen die Forscher 23 Quallen sechs Tage und Nächte lang mit Hilfe von Videokameras. Zeigen sich Phasen der Inaktivität, dann wird durch Fütterung oder Anstubsen überprüft, ob es sich dabei um Schlaf oder um ein Koma handelt.

Die Testung der gesenkten Reaktionsfähigkeit erfordert eine recht gemeine Methode. Die getestete Quallenart liebt es auf dem Kopf liegend am Boden zu verweilen. Die Forscher haben deswegen eine Umgebung geschaffen in der die Qualle auf einer entfernbaren Platte liegt. Sobald die Forscher merken, dass diese eingedöst ist, wird die Platte entfernt und beobachtet wie viel Verwirrung das arme Tier zeigt, bevor es zielstrebig zum Boden des Gefäßes schwimmt.

Abschließend soll noch die Auswirkung von Schlafentzug getestet werden. Damit die Quallen vom Schlafen abgehalten werden, gibt eine technische Einrichtung nachts alle 20 Minuten (für 6 oder 12 Stunden, je nach Testgruppe) einen lästigen zehn Sekunden dauernden Wasserstoß ins Becken ab. Die gemessene Aktivität am Folgetag zeigt, ob sich Müdigkeit durch diese Störung einstellt.

Welche Erkenntnisse konnten gewonnen werden?

Wie zu erwarten war, zeigen Quallen nachts eine Phase, in der sie sich deutlich weniger bewegen (-30%). Wird ihnen in dieser Phase der Boden unter den Tentakeln entfernt, dann schweben sie zunächst verwirrt umher und versuchen sich zu orientieren. Zusätzlich reagieren sie am Folgetag nach einer Nacht Schlafentzug mit einer gesenkten Durchschnittsaktivität, was auf eine Grundmüdigkeit schließen lässt.

Die Mangrovenqualle hat kein Gehirn, schläft aber auch!

Zufällige Seitenergebnisse sind die Erkenntnisse, dass Quallen ebenfalls einem zirkadianen Rhythmus, auch in völliger Dunkelheit, folgen und auf Melatonin ebenfalls mit Müdigkeit reagieren.

Zum besseren Verständnis: Wie funktioniert die Impulsweiterleitung bei Nerven?

Quallen besitzen kein Gehirn, sondern lediglich ein rudimentäres Nervensystem. Die Impulsweiterleitung funktioniert sowohl elektrisch als auch chemisch.

Die vielen Impulseingänge einer Nervenzelle erhalten chemisch über Botenstoffe, die Signale „Tore öffnen“oder „Tore schließen“. Beim Öffnen der „Tore“ (Ionen-Kanäle) fließen Natrium-Ionen ins Innere der Zelle und überlagern die positiv geladenen Kalium-Ionen. In der Folge kommt es zu einer Depolarisation über einen bestimmten Schwellenwert (-70 mVolt). Diese Ladungsveränderung schiebt sich – wie beim Umpolen von Magneten – in Windeseile das Neuron entlang, erreicht dessen Ausgang und führt zum Ausstoß der Botenstoffe in den Synaptischen Spalt in Richtung des nächsten Neurons.

Nerven leiten Informationen sowohl elektrisch als auch chemisch weiter.

Nun erfolgt der gleiche Prozess bei der nächsten Nervenzelle. Abschließend verschieben die Natrium-Kalium-Pumpen am Eingang der sendenden Nervenzelle Natrium und Kalium wieder auf die jeweils andere Seite der Membran und stellen somit die Feuerbereitschaft wieder her.

Was ist das Revolutionäre für die Sicht auf Schlaf?

Bisher wurde Schlaf als Reinigungs- und Regenerationsprozess für das Gehirn gesehen. Die Ergebnisse zeigen, dass Schlaf älter als das Gehirn ist. Zusätzlich sagt Ravi D. Nath selbst, dass Schlaf sich wohl ursprünglich für Neuronen entwickelt habe.

Nach dem Schreiben der Zusammenfassung der Impulsweiterleitung erscheint mir diese Sichtweise sehr logisch, da die Natrium-Kalium-Pumpen sicherlich deutlich effizienter arbeiten können, wenn der gesamte Organismus in Ruhe ist. Mir drängt sich der Vergleich zur Deutschen Bahn auf, die nachts die Möglichkeit hat liegengebliebene oder fehlende Züge zu den jeweiligen Ausgangsbahnhöfen zu rangieren oder kaputte Gleise zu ersetzen.

Aktive Elemente, wie Natrium-Kalium-Pumpen, benötigen sicher ebenfalls eine Wartung. Wenn diese stückweise ausfallen, dann werden weniger Impulse übertragen (fehlende Natrium-Ionen) oder müssen über „Seitenstrecken“ geleitet werden (ausgefallene Pumpen) und kommen erst verzögert am Ziel an. Das könnte man als Müdigkeit interpretieren. Falls jemand Untersuchungen zu dieser These kennt, dann würde ich mich sehr über Hinweise diesbezüglich freuen.

Mir stellt sich auch noch die Frage, ob man das Gehirn nicht als eine Ansammlung von Nerven in einen Schädel gepresst sehen könnte? Denn dann wäre das Revolutionäre „lediglich“ die Anpassung der Sichtweise auf das Gehirn als eine Ansammlung von Nerven, im Gegensatz zum Gedanken, dass das Gehirn etwas Besonderes sei, das sich wie ein Organ entwickelt hat.

Ist das Gehirn lediglich ein „Sicherungskasten“ in dem alle Leitungen zusammenlaufen?

Dieser Gedanke erinnert mich an die revolutionäre Erkenntnis der Behavioristen * als Experimente zeigen, dass Ratten den Ausgang eines zu Fuß auswendig gelernten Labyrinths auch noch finden, wenn man das Labyrinth flutet und die Ratten gezwungen werden zu schwimmen.

Das war damals „revolutionär“, weil man der Meinung war, dass Laufen und Schwimmen unterschiedliche Verhaltensmuster benötigen und somit beides Mal einzeln erlernt werden müssten.

* Eine lernpsychologische Gruppierung, die an Lernen durch eine Reiz-und-Reaktion-Kette des Verhaltens glaubt.

Fazit

Das Gehirn scheint für den Schlaf doch nicht die ursprüngliche Steuerungseinheit zu sein. Die Schlafforschung bleibt also spannend! Besonders interessant sind die Verbindung Qualle-Mensch, die über die Schläfrigkeit erzeugende Auswirkung von Melatonin hergestellt wurde und die offensichtlich nötige Anderung der Sichtweise auf das Gehirn.

Weiter gegriffen bleibt die Frage wie der Mensch seine Gedanken und sein Verhalten „steuert“? Was im Gehirn erzeugt willentliche Signale im Gegensatz zur Verarbeitung von Außenreizen? Was unterscheidet uns von einer Qualle?

Ich wünsche erholsamen störungsfreien Schlaf und bin gespannt auf Ihre Rückmeldung!

Thorsten von Bettdecke.de

blaue LED Shibuya
Aus der Forschung, Hormone, Schlaf, Schlafstörung

Ist LED-Licht wirklich gesund?

Geschätzte Lesedauer: 9 min

Die Allgemeine Zeitung berichtet am 14.8.2017 online im Artikel „LED-Technik: Nicht nur energiesparend, sondern auch gesund“ über einen angeblichen ungeahnten Vorteil von LEDs. Der Autor behauptet (leider ohne Quellenangaben), dass der hohe Blauanteil im Licht der LED den Melatoninanteil im Blut senke. Da das Hormon Melatonin mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus zusammenhängt, ist diese These für uns spannend.

Was ist mit „der hohe Blauanteil im Licht“ gemeint?

Licht ist Energie, die auf das Auge trifft und im Auge eine chemische Reaktion auslöst, die einen elektrischen Impuls ans Gehirn sendet. Welche chemische Reaktion ausgelöst wird, hängt von der Wellenlänge des Lichts ab. Das sichtbare Licht ist jeweils mehrere hundert Nanometer lang und reicht grob von ca. 400nm (Violett) bis ca. 700nm (Rot).

Die Zusammensetzung der Wellenlängen aller Lichtwellen, die auf das Auge treffen, sorgt für eine bestimmte Signalzusammensetzung, die das Auge ans Gehirn sendet und das Gehirn als Farbe interpretiert. Sendet zum Beispiel eine LED-Lampe verstärkt Lichtwellen im blauen Bereich, dann wertet das Gehirn die Signalzusammensetzung als blau.

Neben dem optischen Eindruck soll „blaues Licht“ ebenfalls andere Auswirkungen auf den Körper haben. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Aktuelle Wissenschaftliche Untersuchungen zu „blauem Licht“

Hemmung der Melatoninproduktion

2011 zeigt eine Wissenschaftlergruppe mehrerer Universitäten, der NASA und des US Militärs, dass blaues kurzwelliges Licht die Produktion von Melatonin im Körper stärker hemmt als weißes Licht. Das Ziel der Studie ist es die Sicherheit von Astronauten zu erhöhen. Bei erhöhtem Melatoninpegel werden Menschen müde, sind weniger aufmerksam und ihnen unterlaufen somit mehr Fehler. Bei einem Flug im All kann jeder Fehler tödlich sein, darum kann die absichtliche Absenkung des Melatoninpegels Leben retten.

Melatonin – das Anti-Krebs-Hormon?

Hilft Melatonin gegen Krebs?

2017 veröffentlicht eine Forschergruppe der American Association for Cancer Research eine Studie in der sie Melatonin als das „Anti-Krebs-Hormon“ bezeichnet!

Wie kommen sie zu diesem Schluss? Die Wissenschaftler setzen Ratten tagsüber blauem Licht („blue enriched“) aus und messen nachts eine siebenfach höhere Melatoninproduktion im Vergleich zu anderen Ratten, die weißem Licht ausgesetzt wurden. Parallel erhalten die Ratten ein Mittel, das Krebszellen bekämpft.

Bei einer erhöhten Melatoninkonzentration zeigt sich, dass die Behandlung von Tumorzellen erfolgreicher ist. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass Melatonin dem Warburg-Effekt entgegenwirkt und somit die Energieversorgung der Krebszellen hemmt oder sogar teilweise unterbindet.

Wie wirken sich 8 Stunden blauen Dauerlichts aus?

Auch in dieser 2017 veröffentlichten Studie stehen Hemmung der Melatoninproduktion, Veränderung der Aufmerksamkeit und Schlafqualität im Fokus. Die Wissenschaftler S.A. Rahmana, M.A.St. Hilairea und S.W. Lockley vergleichen hierbei die Auswirkung von blauem und weißem Licht, mit dem sie Versuchspersonen acht Stunden lang vor einem festgesetzten Einschlafzeitpunkt bestrahlen.

8 Stunden blaues Licht in „Schlafzimmerhelligkeit“ vor dem Schlafengehen

Dreißig Minuten vor dem Schlafengehen werden die Versuchspersonen untersucht. Es zeigt sich, dass acht Stunden blaues Licht dazu führt, dass die entsprechenden Versuchspersonen deutlich schlechtere Reaktionszeiten auf gehörte Reize haben. Beide Gruppen fühlen sich gleich müde und schlafen auch gleich lang und erholt.

Es zeigt sich jedoch ein deutlicher Reihenfolgeneffekt, den man beim Wechsel von einem Tag unter blauem Licht zu einem Tag unter weißem Licht misst. Hierbei erhöhen sich Schlafdauer, Erholung und „slow-wave activity“ im EEG (mehr Tiefschlaf).

Der Wechsel fördert erholsamen Schlaf!

Demnach zeigt diese Untersuchung, dass durchgängiges blaues Licht die Aufmerksamkeit gegen Abend hin stärker senkt als weißes Licht und dass ein täglicher Wechsel von blauem zu weißem Licht erholsamen Schlaf fördert!

Auswirkung von LED-Licht auf die Gesundheit

Im International Journal of Sustainable Lighting schreiben Cosmin Ticleanu und Paul Littlefair eine Zusammenfassung über die Auswirkungen von LED-Licht auf die Gesundheit. Sie bestätigen die negative Kraft von UV-Strahlen und den Vorteil von LEDs auf diesem Gebiet. Aber sie erwähnen auch, dass blaues Licht auf lange Sicht hin negative Gesundheitsfolgen haben kann, da es die innere Uhr des Körpers tageszeitabhängig aus dem Takt bringt.

Das bedeutet, dass LEDs auch kritisch zu sehen sind, da sie offensichtlich nicht durchgängig einen positiven Effekt auf unseren Körper haben.

In ihrem Artikel erwähnen sie ebenfalls ausführlich die therapeutische Nutzung der Manipulation der inneren Uhr durch blaues Licht. Unter anderem wird eine Studie einer Forschergruppe um Robert Strong von der University of Utah aus dem Jahr 2009 erwähnt, die den positiven Effekt der Blaulichttherapie („Narrow bandwidth blue-light therapy“, BLT) bei der Behandlung von jahreszeitabhängigen psychischen Erkrankungen bestätigt.

Die (Blau-)lichttherapie (BLT)

Bei den bisher vorgestellten Studien wurde blaues Licht primär für die Veränderung des Melatoninpegels genutzt, wobei diese Anwendung unter dem Suchbegriff „Blaulichttherapie“ auf den ersten Suchergebnisseiten nicht genannt wird. Die Suchwortergänzung „Schlaf“ lässt erkennen, dass im Deutschen wohl der Begriff „Lichttherapie“ gängiger ist. Bis zur finalen Klärung gehen Sie bitte in diesem Artikel davon aus, dass mit „Blaulichttherapie“ die Übersetzung aus dem Amerikanischen gemeint ist.

Im Mai 2017 wird im Biological Psychiatry Journal eine Studie veröffentlicht, die blaues Licht als Therapieform für psychische Erkrankungen ebenfalls bestätigt.

Während der Studie erhielten die Versuchspersonen morgens für 30 Minuten eine BLT. In der Folge senkt sich deren Angsterleben und die BLT stärkt die Verbindung zwischen dem MPFC (=Abk. für medialer präfrontaler Cortex), welcher für das Selbstbewusstsein zuständig ist, und der Amygdala, welche die „zentrale Verarbeitungsstation für externe Impulse und deren vegetative Auswirkungen“ ist. Die Amygdala setzt u.a. Stresshormone frei und bewertet externe Einflüsse emotional.

Die Wissenschaftler vertreten aufgrund dieser Ergebnisse die These, dass die Therapie mit blauem Licht (BLT) den Schlaf-Wach-Rhythmus positiv reguliert und als indirekte Folge dadurch kognitive und emotionale Erholungsprozesse des Gehirns unterstützt.

BLT als positive Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmuses

Dies zeigt im Umkehrschluss, dass die Störung des Schlaf-Wach-Rhythmuses eine Ursache für kognitive und emotionale „Schäden“ sein müsste, wenn alleine das erneute Einpendeln durch die BLT eine Verbesserung herbeiführt. Erholsamer Schlaf ist somit gesund und wichtig!

Fazit

Auf die Frage, ob LED-Licht gesund sei, gibt es keine allgemein gültige Antwort! Die AZ bezieht sich in ihrem Artikel besonders auf das Fehlen des UV-Anteils als Gesundheitseffekt. Der oben beschriebene Zusammenfassungsartikel von Cosmin Ticleanu und Paul Littlefair bestätigt diese Aussage, weist aber spannenderweise auch darauf hin, dass der Blauanteil der LEDs den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander bringen kann.

Diese Aussage bestätigen die anderen vorgestellten Untersuchungen. Sie zeigen nachweisbare Effekte blauen Lichtes auf die Gesundheit. Diese hängen von der Tageszeit ab, da blaues Licht die Melatoninproduktion hemmt und somit den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Nachts will man nicht wach sein, daher ist blaues Licht nachts schlecht für die Gesundheit, da es die innere Uhr des Menschen auf eine körperlich messbare Weise durcheinanderbringt!

Tagsüber sorgt die Senkung des Melatoninanteils im Blut für eine erhöhte Wachsamkeit und erhöht somit indirekt unter anderem die Arbeitssicherheit oder die Sicherheit im Straßenverkehr.

Somit scheint blaues Licht, bei richtiger Anwendung, über das Einpendeln des Schlaf-Wach-Rhythmuses den erholsamen Schlaf zu fördern und darüber indirekt gut für die körperliche und geistige Gesundheit zu sein – es wird also bestätigt, was bisher allgemein angenommen wird: erholsamer Schlaf ist wichtig!

Ich wünsche erholsamen störungsfreien Schlaf und bin gespannt auf Ihre Rückmeldung!

Thorsten von Bettdecke.de

Aerobic hilft beim Einschlafen
Aus der Forschung, Einschlafen

Aerobic hilft beim Einschlafen,…

…aber nicht beim Abnehmen. Ja, es hört sich schon ein wenig seltsam an, aber im März 2016 veröffentlichten die Wissenschaftler Xiao Tan, Markku Alén, Petri Wiklund, Markku Partinen und Sulin Cheng im Sleep Journal ihre Studie mit dem klanghaftem Namen: „Effects of aerobic exercise on home-based sleep among overweight and obese men with chronic insomnia symptoms: a randomized controlled trial“.

Lassen Sie sich von dem langen Namen nicht abschrecken, dass ist in der Wissenschaft vollkommen normal und wir erklären gleich noch worum es in der Studie geht.

Sport für den schlaflosen Finnen

An der Studie nahmen 45 finnische Männer im Alter zwischen 30 und 65 Jahren und einem Bodymassindex 25 aufwärts teil. Allen gemein waren attestierte chronische Schlafstörungen.

Wie bei wissenschaftlichen Studien üblich, wurden die Teilnehmer aufgeteilt. 21 durften das nächste halbe Jahr entspannt ihr normales Alltagsleben wissenschaftlich verordnet weiterleben. Die 24 Verbliebenen wurden sechs Monate lang einem Aerobicprogramm unterzogen, das ein bis fünf Mal pro Woche 30-60 Minuten dauerte.

Beide Gruppen durften zusammen regelmäßig Fragebögen ausfüllen, sich messen lassen und Tests der körperlichen Fitness durchführen.

Einer dieser Fragebögen war ein leicht abgeänderter „Basic Nordic Sleep Questionnaire“, den man mit „Der Allgemeine Nordmann-Schlaffragebogen“ übersetzen könnte. Ja, es gibt einen rein für die skandinavischen Länder entwickelten Fragebogen.

Entwickelt wurde dieser 1995 von der Skandinavischen Gesellschaft für Schlafforschung (SSRS). Die entsprechende Arbeitsgruppe bestand aus Forschern der Länder Finnland, Schweden, Island, Norwegen und Dänemark.

Und was hat es gebracht?

Eine Erkenntnis, die sicher für alle Menschen sehr interessant ist:
Die Aerobicgruppe konnte nach sechs Monaten deutlich schneller einschlafen!

Die Wissenschaftler haben bei ihrem Fazit sich wissenschaftlich korrekt nur direkt an ihrer Testgruppe orientiert, aber wir können uns ein wenig weiter aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass die Verbesserung der Einschlafdauer nicht nur für die Testgruppe gilt. Also können auch Sie Ihre Einschlafdauer mit regelmäßigem Sport deutlich senken.

Die zweite Erkenntnis war, dass sich Gewicht und Fettanteil in dem halben Jahr nicht änderten! Aber lassen Sie das keinen Fitnessstudiogänger hören…psst.

 

Ich wünsche erholsamen Schlaf und bin gespannt auf Erfahrungsberichte!

Thorsten von Bettdecke.de